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Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus)

Kirsten Weißbacher
Verfasst von Kirsten Weißbacher
Zuletzt aktualisiert: 01. April 2026
Lesedauer: 10 Minuten
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Aussehen: Wie sieht Schilf-Glasflügelzikade aus?

Erkennungsmerkmale

Die adulten Tiere sind kleine Glasflügelzikaden mit durchscheinenden, leicht bräunlichen Vorderflügeln, dunkleren Adern im Flügelspitzenbereich und dunklem Pterostigma. Kopf und Mesonotum werden in den ausgewerteten Beschreibungen dunkelbraun bis schwarz angegeben; Weibchen sind tendenziell heller und größer als Männchen. Zur Körperlänge finden sich allerdings abweichende Angaben: Ein wissenschaftliches Poster nennt etwa 5–7 mm bei Männchen und 6,5–9 mm bei Weibchen, eine taxonomische Redescription 6,56–7,25 mm beziehungsweise 8,67–9,38 mm. Für die Praxis ist damit ein Bereich von etwa 5–9 mm belastbar, wobei Weibchen im Mittel größer ausfallen. (OpenAgrar)

Unterscheidung zu ähnlichen Arten

Im Feld ist die Art leicht mit anderen Cixiiden zu verwechseln, besonders mit Reptalus quinquecostatus und Hyalesthes obsoletus. Die ausgewerteten Fachquellen betonen ausdrücklich, dass die morphologische Bestimmung anspruchsvoll ist; für weibliche Tiere und Nymphen reicht eine äußere Bestimmung oft nicht aus. Für eine sichere Diagnose werden deshalb in der Praxis häufig männliche Genitalmerkmale oder molekulare Nachweise herangezogen. (MDPI)

Entwicklung und Lebenszyklus

Entwicklungsstadien

Die Schilf-Glasflügelzikade entwickelt sich ohne Puppenstadium: Auf das Ei folgen fünf Nymphenstadien und danach das Adulttier. In Klimakammerstudien wurden alle fünf Nymphenstadien dokumentiert; die Nymphen produzierten ebenso wie adulte Weibchen wachsige Filamente. Äußerlich erkennbare Geschlechtsunterschiede wurden bei den Nymphen in diesen Untersuchungen nicht festgestellt. (MDPI)

Entwicklungsdauer

Unter kontrollierten Bedingungen wurde das Erreichen des Adultstadiums nach etwa 170 Tagen nach dem Schlupf beschrieben. Eine weitere wissenschaftliche Arbeit nennt für die Entwicklung vom ersten Nymphenstadium bis zum Adulttier auf Zuckerrübe 193,6 ± 35,8 Tage bei Männchen und 193,5 ± 59,2 Tage bei Weibchen. Für Mitteleuropa wird die Art daher überwiegend als univoltin, also mit einer Generation pro Jahr, beschrieben; in einem außergewöhnlich warmen und trockenen Sommer wurde jedoch eine zweite Generation beobachtet. (MDPI)

Lebensweise und Verhalten

Aktivitätsmuster

Adulte Tiere erscheinen im Freiland ab Mai; die Flugaktivität reicht meist bis August und kann in heißen, trockenen Sommern bis in den September hinein andauern. Die Nymphen leben ganzjährig im Boden. In Feldstudien wurden sie bei durchschnittlich 8,6 °C vermehrt in der obersten Bodenschicht gefunden, während sie bei Temperaturen unter 5,6 °C tiefer wanderten; eine obligatorische Winterdiapause wurde in den ausgewerteten Arbeiten nicht belegt. (MDPI)

Nahrung und Ernährung

Wie andere Cixiiden saugt P. leporinus an Phloemsaft. Die adulten Tiere ernähren sich oberirdisch an Wirtspflanzen, die Nymphen dagegen unterirdisch an Wurzeln; für Zuckerrüben wird das Anstechen der Blattstiele ausdrücklich beschrieben. Nymphen zeigten in Versuchen eine polyphage Ernährung mit schwacher Präferenz für Zuckerrübe gegenüber Winterweizen und ohne Präferenz zwischen Zuckerrübe und Mais; inzwischen ist außerdem belegt, dass die Art ihren Lebenszyklus auch auf Kartoffeln vollenden kann. (MDPI)

Vermehrung und Fortpflanzung

Fortpflanzungsverhalten

Die Paarung findet nach den ausgewerteten Studien in Mitteleuropa gegen Ende Juni beziehungsweise Anfang Juli statt, die Eiablage beginnt anschließend im Boden oder in bodennahem Substrat. Eier werden in Gelegen abgelegt; adulte Weibchen und Nymphen bilden wachsige Filamente, die in der Literatur als Schutz von Tieren und Eiern vor Prädation beschrieben werden. In einer Felduntersuchung wurde die erste Eiablage am 6. Juli beobachtet. (MDPI)

Vermehrungsrate

Für die Eizahl liegen belastbare Labor- und Versuchsdaten vor. Göttinger Arbeiten berichten im Mittel 49,6 ± 31,3 Eier pro Gelege, ein größtes Gelege mit 186 Eiern sowie durchschnittlich 139,1 ± 132,9 Eier und maximal 406 Eier pro Weibchen. Die Weibchen legten dabei noch bis zu 42 Tage nach dem Schlupf Eier ab. Unter mitteleuropäischen Feldbedingungen ist meist von einer Generation pro Jahr auszugehen; in warmen Jahren kann die Populationsentwicklung jedoch durch eine zusätzliche Generation beschleunigt werden. (eDiss)

Vorkommen und Verbreitung

Natürliche Lebensräume

Als natürlicher Wirt der Art wird in den ausgewerteten Fachquellen vor allem Schilf (Phragmites australis) genannt. Vor dem Wirtswechsel in Ackerkulturen wurde die Art an feuchten oder nassen Standorten entlang von Flüssen sowie in ruderalen und brackigen Lebensräumen beschrieben. Eine eng umrissene Ursprungsregion ist in den eingesehenen Quellen nicht belastbar abgegrenzt; belastbar belegt ist jedoch eine paläarktische Verbreitung außerhalb der nördlichsten Bereiche. (MDPI)

Verbreitung in/an Gebäuden

Die ausgewerteten amtlichen und wissenschaftlichen Quellen behandeln die Schilf-Glasflügelzikade als Freiland- und Ackerbauschädling in Zuckerrüben-, Kartoffel- und weiteren Kulturpflanzenbeständen. Typische Innenraumbefälle oder eine dauerhafte Etablierung in Gebäuden sind in diesen Quellen nicht beschrieben. Für die Praxis ist daher der Befall im Feld und nicht der Gebäudebereich entscheidend. (Julius Kuehn Institute)

Bedeutung als Schädling

Schadwirkung

Die praktische Relevanz der Art liegt vor allem in ihrer Rolle als Vektorinsekt. Sie überträgt Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus und Candidatus Phytoplasma solani; bei Zuckerrüben stehen damit SBR- und Stolbur-Symptome wie Blattvergilbung, verformte oder weiche Rüben und verringerte Zuckergehalte in Zusammenhang, bei Kartoffeln gelbende und welkende Pflanzen sowie gummiartige Knollen. In den ausgewerteten amtlichen und wissenschaftlichen Quellen steht deshalb die Krankheitsübertragung klar stärker im Vordergrund als ein isolierter Saugschaden. (Julius Kuehn Institute)

Wirtschaftliche Schäden

Die wirtschaftlichen Folgen betreffen Ertrag und Qualität zugleich. Das Julius Kühn-Institut nennt geringere Zuckergehalte und Qualitätsverluste bei Zuckerrüben sowie deutliche Qualitätsprobleme bei Kartoffeln; Ende 2025 lagen in Deutschland nach JKI-Angaben 119.000 ha Zuckerrüben- und knapp 40.000 ha Kartoffelanbaufläche im Verbreitungsgebiet der Art. Damit ist die Schilf-Glasflügelzikade regional ein hochrelevanter Agrarschadorganismus. (Julius Kuehn Institute)



Gesundheitliche Risiken

Direkte Gefahren

In den ausgewerteten Quellen wird die Schilf-Glasflügelzikade als Vektor pflanzenpathogener Erreger und nicht als Gesundheitsschädling des Menschen beschrieben. Belastbare Hinweise auf Stiche, Bisse oder die Übertragung humanpathogener Erreger fanden sich in diesen amtlichen und wissenschaftlichen Quellen nicht. Für Menschen steht daher nach heutigem, hier ausgewertetem Kenntnisstand keine direkte Gesundheitsgefahr im Vordergrund. (Julius Kuehn Institute)

Indirekte Folgen

Indirekt relevant ist die Art über Schäden an Nahrungs- und Verarbeitungsrohstoffen. Die übertragenen Erreger mindern Zuckergehalt, Ertrag und Verarbeitungsqualität von Zuckerrüben und Kartoffeln; das JKI weist zudem auf Folgen entlang ganzer Wertschöpfungsketten hin. Hygienische Risiken in Wohnräumen stehen in den ausgewerteten Quellen dagegen nicht im Vordergrund. (Julius Kuehn Institute)

Befall erkennen

Befallsanzeichen

Ein Befall fällt meist zuerst über Pflanzensymptome auf: Ältere Blätter von Zuckerrüben vergilben, Blätter können lanzenförmig verformt sein, und im Bestand treten typische weiche beziehungsweise „gummiartige“ Rüben auf. In Kartoffeln werden Gelbverfärbung, Welke und gummiartige Knollen beschrieben. Für das Monitoring werden Klebetafeln genutzt, doch laut JKI bilden Fangzahlen allein die tatsächliche Infektions- oder Befallsstärke nicht zuverlässig ab. (MDPI)

Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) in typischer Umgebung – Befall erkennen und bekämpfen
© Schaedlingsvernichtung.de

Schadensspuren

Anders als bei beißenden oder bohrenden Schädlingen stehen keine Fraßgänge oder Lochbilder im Vordergrund. Typische Spuren sind vielmehr symptomatische Kulturpflanzen, positive Erregernachweise und der Fund von Nymphen an Wurzeln beziehungsweise zwischen Kartoffelknollen im Boden. Adulte Tiere werden während der Flugzeit vor allem im Freilandmonitoring erfasst. (MDPI)

Vorbeugende Maßnahmen

Vorbeugung folgt derzeit den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes. Das JKI empfiehlt eine regionale Bewertung aus Temperatursummenmodell, Fallenmonitoring und Bestandeskontrolle statt fixer Bekämpfungsschwellen. In stark betroffenen Regionen werden insbesondere der Verzicht auf Winterweizen nach Zuckerrüben oder Kartoffeln, der Anbau toleranter Zuckerrübensorten, möglichst frühe Aussaat und Ernte sowie konsequente Bodenbearbeitung nach der Ernte empfohlen. (Julius Kuehn Institute)



Bekämpfung

Professionelle Bekämpfung

Die professionelle Bekämpfung liegt hier im Bereich des landwirtschaftlichen Pflanzenschutzes, nicht der klassischen Gebäudeschädlingsbekämpfung. Offizielle Empfehlungen stützen sich auf ein regional differenziertes Vorgehen; Insektizide sollen nur nach Warndienstaufruf und im Zusammenspiel mit pflanzenbaulichen Maßnahmen eingesetzt werden. Das JKI betont zugleich, dass eine vollständige Bekämpfung der Zikade und eine Tilgung der Erreger derzeit nicht möglich sind. (Julius Kuehn Institute)

Eigenmaßnahmen

Die offiziellen Empfehlungen betreffen landwirtschaftliche Bestände und setzen vor allem auf Fruchtfolgegestaltung, Bodenbearbeitung, Monitoring und regionale Warndienste. Daraus lässt sich für private Innenräume keine spezifische Eigenbekämpfung ableiten, weil die Art in den ausgewerteten Quellen nicht als typischer Gebäudeschädling beschrieben wird. In Erwerbskulturen sollten regionale Pflanzenschutzdienste und amtliche Empfehlungen einbezogen werden. (Julius Kuehn Institute)

WICHTIGER HINWEIS
Bei starkem oder wiederkehrendem Schädlingsbefall empfehlen wir dringend die Konsultation eines professionellen Schädlingsbekämpfers. Eigenständige Bekämpfungsmaßnahmen können bei unsachgemäßer Anwendung gesundheitliche Risiken bergen oder den Befall verschlimmern. Die Informationen in diesem Artikel dienen der Aufklärung und ersetzen keine professionelle Schädlingsbekämpfung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist die Schilf-Glasflügelzikade ein klassischer Gebäudeschädling?Nein. Die ausgewerteten amtlichen und wissenschaftlichen Quellen behandeln Pentastiridius leporinus als Freiland- und Ackerbauschädling, vor allem in Zuckerrüben- und Kartoffelsystemen. Typische Innenraumbefälle werden dort nicht beschrieben. (Julius Kuehn Institute)

Wie lässt sich die Art sicher bestimmen?Als erste Feldhinweise dienen kleine, durchscheinend beflügelte Tiere im Größenbereich von etwa 5–9 mm. Für eine sichere Artbestimmung reicht das aber oft nicht aus, weil ähnliche Cixiiden im selben Kulturumfeld auftreten; besonders Weibchen und Nymphen sind morphologisch schwierig abzugrenzen. In der Praxis werden deshalb häufig männliche Merkmale oder molekulare Verfahren genutzt. (OpenAgrar)

Wie viele Generationen pro Jahr sind zu erwarten?Für Mitteleuropa wird die Schilf-Glasflügelzikade überwiegend als univoltin beschrieben, also mit einer Generation pro Jahr. Einzelne neuere Beobachtungen zeigen aber, dass in sehr warmen Jahren eine zweite Generation möglich ist. Für die Befallsprognose sollte dieser Punkt regional mitgedacht werden. (EPPO Global Database)

Welche Kulturen sind aktuell gesichert betroffen?Gesichert belegt sind Zuckerrübe und Kartoffel: Für beide Kulturen ist sowohl die Schadrelevanz als auch der vollständige Lebenszyklus der Art beschrieben. Darüber hinaus wurden in amtlichen Meldungen auch weitere Gemüsekulturen als betroffen oder als Untersuchungsgegenstand genannt; deren genaue epidemiologische Rolle wird regional weiter erforscht. (MDPI)

Ist die Schilf-Glasflügelzikade für Menschen gefährlich?In den ausgewerteten Quellen nicht in dem Sinn, wie es bei stechenden oder hygienisch relevanten Schädlingen der Fall wäre. Beschrieben wird vielmehr ihre Funktion als Überträgerin pflanzenpathogener Erreger. Belastbare Hinweise auf eine direkte Gesundheitsgefährdung des Menschen fanden sich in den eingesehenen amtlichen und wissenschaftlichen Quellen nicht. (Julius Kuehn Institute)

Reichen Klebetafeln und Einzelmaßnahmen für die Bekämpfung aus?Nein. Das JKI weist ausdrücklich darauf hin, dass Fangzahlen auf Klebetafeln nicht zuverlässig mit der tatsächlichen Erregerlast im Bestand korrelieren und deshalb keine festen Bekämpfungsschwellen ableitbar sind. Empfohlen wird ein integriertes Vorgehen aus Monitoring, regionaler Einordnung, Fruchtfolge- und Bodenmaßnahmen; eine vollständige Tilgung ist derzeit nicht möglich. (Julius Kuehn Institute)

Quellen

  • Julius Kühn-Institut: Schilf-Glasflügelzikade: Neue Strategien gegen ein wachsendes Risiko. (Julius Kuehn Institute)
  • Julius Kühn-Institut: Regionale Maßnahmenempfehlung zur Schilf-Glasflügelzikade. (Julius Kuehn Institute)
  • Julius Kühn-Institut: Monitoring zeigt: Schilf-Glasflügelzikade auf dem Vormarsch. (Julius Kuehn Institute)
  • Behrmann et al. 2022: Biology and Rearing of an Emerging Sugar Beet Pest: The Planthopper Pentastiridius leporinus. (MDPI)
  • Pfitzer 2023, Universität Göttingen: Biology of Pentastiridius leporinus and approaches to control the main vector of the syndrome “basses richesses” in sugar beet. (eDiss)
  • Behrmann et al. 2023: Potato (Solanum tuberosum) as a New Host for Pentastiridius leporinus (Hemiptera: Cixiidae) and Candidatus Arsenophonus Phytopathogenicus. (MDPI)
  • Therhaag et al. 2024: Pentastiridius leporinus (Linnaeus, 1761) as a Vector of Phloem-Restricted Pathogens on Potatoes. (MDPI)
  • Taxonomie und Verbreitung: GBIF/Plazi Redescription sowie EPPO Global Database. (GBIF)
  • Diagnostische Abgrenzung zu ähnlichen Arten: Pfitzer et al. 2022, Molecular Detection of Pentastiridius leporinus. (MDPI)

Über unsere*n Autor*in
Kirsten Weißbacher
Kirsten hat Germanistik in Hamburg studiert und im Anschluss ein Volontariat gemacht. Nach ihrem Start in der Unternehmenskommunikation eines lokalen Herstellers wechselte sie in die freiberufliche Tätigkeit. Seit Februar 2024 ist Kirsten bei Digitale Seiten und schreibt dort Ratgeber zu Handwerksthemen aller Art.