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Kamelhalsfliege (Raphidioptera)

Kirsten Weißbacher
Verfasst von Kirsten Weißbacher
Zuletzt aktualisiert: 01. April 2026
Lesedauer: 10 Minuten
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Aussehen: Wie sieht Kamelhalsfliege aus?

Erkennungsmerkmale

Mit „Kamelhalsfliege“ ist im Alltag keine einzelne Art, sondern die Ordnung Raphidioptera gemeint. Typisch sind die stark verlängerte Vorderbrust, der auffallend bewegliche Kopf, zwei Paare klarer, netzartig geäderter Flügel und bei Weibchen die lange Legeröhre. Zur Größe nennen die ausgewerteten deutschen Fachquellen unterschiedliche Sammelangaben: Senckenberg nennt sechs bis 15 Millimeter, das Faltblatt „Insekt des Jahres 2022“ etwa neun bis 25 Millimeter. Für die Bestimmung ist die Gestalt deshalb meist verlässlicher als eine starre Millimeterzahl. (Senckenberg Naturforschung)

Unterscheidung zu ähnlichen Arten

Von anderen netzflügelartigen Insekten unterscheiden sich Kamelhalsfliegen vor allem durch den lang ausgezogenen Prothorax. Adulte Tiere tragen zwei Paare häutiger Flügel mit dichter Aderung in Ruhe dach- bis zeltartig über dem Körper. Zusammen mit der auffälligen Legeröhre vieler Weibchen und der eher schwachen Flugweise ergibt sich ein sehr eigenständiges Erscheinungsbild. (UC Agriculture and Natural Resources)

Entwicklung und Lebenszyklus

Entwicklungsstadien

Kamelhalsfliegen sind holometabole Insekten mit Ei-, Larven-, Puppen- und Adultstadium. Die Eier werden als länglich bis zylindrisch beschrieben; reife Larven können je nach Quelle etwa 12 bis 25 Millimeter lang werden und sind langgestreckt sowie abgeflacht. Die Puppe ist aktiv und nicht in einen Kokon eingesponnen, was für die Bestimmung ungewöhnlich und diagnostisch hilfreich ist. (GenEnt)

Entwicklungsdauer

Die Entwicklung vom Ei bis zur Imago dauert mindestens ein Jahr, meist aber zwei bis drei Jahre und je nach Art auch länger. Mehrere Fachquellen nennen 9 bis 15 Larvenstadien; außerdem gehört mindestens eine Überwinterung fest zum Lebenszyklus, in den meisten Arten sogar mehr als eine. Für Raphidia mediterranea zeigte eine TUM-Studie, dass etwa 12 Wochen Kühlung bei 4 °C genügten, um 50 % der Larven innerhalb von sieben Wochen nach der Kühlphase zur Präpuppe zu bringen. (Sachsen Natur)

Die Adultphase ist kurz, aber nicht für alle Linien gleich lang beschrieben. Die Spixiana-Arbeit spricht für Kamelhalsfliegen allgemein von einem Erwachsenenleben von mehreren Wochen, während die Kanada-Übersicht für Inocelliidae nur wenige Tage nennt. Für die Praxis heißt das: Lebensdauerangaben sollten nicht pauschal auf die gesamte Ordnung übertragen werden. (Pfeil Verlag)

Lebensweise und Verhalten

Aktivitätsmuster

Sämtliche Entwicklungsstadien sind landlebend. Die Imagines sind tagaktiv, meist standorttreu und trotz gut entwickelter Flügel keine guten Langstreckenflieger; beschrieben werden eher schwirrende, flatternde oder hüpfende Flüge. In Mitteleuropa halten sich viele Arten im Blattwerk, in Sträuchern oder in der Kronenschicht von Bäumen auf; rindenbewohnende Larvenarten werden dort besonders selten bemerkt, weil die Adulten oft hoch im Gehölz sitzen. (idw Nachrichten)

Nahrung und Ernährung

Larven und viele Adulte leben räuberisch. Genannt werden unter anderem Blattläuse, Schildläuse, Milben, Raupen, verschiedene Insekteneier sowie Larven anderer Arthropoden; in Birnenanlagen gelten Snakeflies als wichtige frühe Prädatoren von Birnenblattsaugern. Gleichzeitig weisen Universitäts- und Expertenquellen darauf hin, dass nicht alle Adulten strikt räuberisch sind: Nicht-prädatorische Arten können Nektar, Honigtau oder Pollen aufnehmen, und bei den Inocelliidae wird für die Imagines sogar nur Pollen genannt, falls sie überhaupt Nahrung aufnehmen. (WSU Tree Fruit)

Vermehrung und Fortpflanzung

Fortpflanzungsverhalten

Die Eiablage erfolgt in geschützte Substrate. Für rindenbewohnende Arten nennen die Quellen vor allem Borkenritzen und Totholz, bei bodenlebenden Larven werden andere geeignete Substrate wie verdorrte Pflanzenstängel genannt. Die lange Legeröhre der Weibchen ist funktional genau auf diese verdeckte Eiablage ausgerichtet. (idw Nachrichten)

Vermehrungsrate

Eine für alle Kamelhalsfliegen gültige Einheitszahl zur Eimenge ist nicht belastbar. Das Faltblatt „Insekt des Jahres 2022“ nennt einige hundert Eier pro Weibchen in mehreren Gelegen von wenigen bis etwa 200 Eiern; für die nordamerikanische Art Agulla astuta wurden dagegen Gelege von 50 oder weniger Eiern beschrieben. Auch bei der Eiphase zeigen die Quellen Variabilität: Das Faltblatt nennt einen Schlupf nach etwa sechs bis zehn Tagen, während für A. astuta im Labor im Mittel elf Tage berichtet wurden. (OUP Academic)

Vorkommen und Verbreitung

Natürliche Lebensräume

Rezente Kamelhalsfliegen kommen ausschließlich auf der Nordhemisphäre vor. Die ausgewerteten Quellen nennen weltweit rund 250 bis 260 Arten, davon 16 in Mitteleuropa und 10 in Deutschland. Als Lebensräume werden vor allem Wälder, lichte Mischwälder, Parks, Gärten, Streuobstbestände und Obstanlagen genannt; die heutige Verbreitung ist an winterliche Temperaturabsenkung gebunden. (idw Nachrichten)

Verbreitung in/an Gebäuden

Innenraumfunde sind typischerweise Zufallseinträge. Die WSU-Fachinformation beschreibt Kamelhalsfliegen ausdrücklich als Tiere, die Häuser nur gelegentlich aus Versehen erreichen, während sie normalerweise draußen auf Bäumen oder in Rindenbereichen leben. Auch in Mitteleuropa werden adulte Tiere häufig übersehen, weil sie sich überwiegend im Kronenbereich aufhalten. Ein Fund an Wand oder Fenster ist daher eher ein Einzelfund aus der Umgebung als ein Hinweis auf einen etablierten Gebäudebefall. (Washington State University)

Bedeutung als Schädling

Schadwirkung

Als klassischer Schädling ist die Kamelhalsfliege ungeeignet eingeordnet. Die ausgewerteten Quellen beschreiben weder Fraßschäden an Häusern noch Schäden am Inventar; stattdessen fressen Larven und Adulte andere Arthropoden. Für mitteleuropäische Arten werden sogar Gegenspieler von Borkenkäfern, Apfelwicklern und anderen Obstbaumschädlingen genannt. (Washington State University)

Wirtschaftliche Schäden

Für Gebäude und Hausrat nennen die Quellen keine typischen wirtschaftlichen Schäden. Im Obstbau kann die Gruppe eher positiv wirken: Washington State University beschreibt Snakeflies als hilfreiche Räuber in Obstanlagen und als wichtige frühe Prädatoren von Birnenblattsaugern, während deutschsprachige Fachquellen sie als Räuber von Eiern und Larven kleiner Schadinsekten an Gehölzen darstellen. (WSU Tree Fruit)



Gesundheitliche Risiken

Direkte Gefahren

Für Menschen gelten Kamelhalsfliegen normalerweise als harmlos. Die WSU-Extension nennt lediglich vereinzelte offenbar schmerzhafte Bisse der Larven; für adulte Tiere liefern die ausgewerteten Quellen keine belastbaren Hinweise auf eine relevante direkte Gesundheitsgefahr. (Washington State University)

Indirekte Folgen

Die ausgewerteten Fachquellen behandeln Kamelhalsfliegen als räuberische Freilandinsekten, nicht als Hygieneschädlinge. WSU betont zudem, dass sie Häuser oder deren Inhalte normalerweise nicht schädigen. Aus professioneller Sicht steht bei Funden im Haus deshalb eher die sichere Bestimmung und Abgrenzung zu tatsächlich problematischen Arten im Vordergrund als ein hygienisches Risiko. (Washington State University)

Befall erkennen

Befallsanzeichen

Typisch sind Sichtfunde einzelner Tiere. Adulte Kamelhalsfliegen lassen sich auf Laub, Zweigen, in Sträuchern, an Baumstämmen oder vereinzelt an Fenstern und Innenwänden beobachten; Larven sitzen je nach Art unter Rinde oder in bodennahen Substraten. Wiederholte Funde in Hausnähe passen vor allem dann zur Biologie der Gruppe, wenn im Umfeld Gehölze, Obstbäume oder rindenreiche Lebensräume vorhanden sind. (WSU Tree Fruit)

Kamelhalsfliege (Raphidioptera) in typischer Umgebung – Befall erkennen und bekämpfen
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Schadensspuren

Ein klassisches Schadbild fehlt meist. Die WSU-Extension nennt keine Schäden an Häusern oder deren Inhalt, und die Nahrungsangaben der Fachquellen beziehen sich auf andere Insekten statt auf Holz, Vorräte oder Textilien. Für die Praxis ist deshalb der Tierfund selbst meist aussagekräftiger als materielle Schäden im Objekt. (Washington State University)

Vorbeugende Maßnahmen

Vorbeugung bedeutet bei Kamelhalsfliegen in erster Linie richtige Einordnung statt chemische Abwehr. Da Innenraumfunde laut WSU meist zufällig entstehen und die Tiere draußen an Bäumen leben, sollte man einzelne Exemplare möglichst schonend entfernen und nach draußen setzen, statt vorschnell Insektizide einzusetzen. In Gärten, Parks und Obstgehölzen spricht die Quellenlage eher für Toleranz, weil Kamelhalsfliegen dort als räuberische Nützlinge auftreten. (Washington State University)



Bekämpfung

Professionelle Bekämpfung

Eine direkte Bekämpfung ist bei sicher bestimmter Kamelhalsfliege in der Regel nicht angezeigt. Die verfügbare Extension-Literatur empfiehlt für Snakeflies ausdrücklich kein Management und beschreibt sie weder als Gebäudeschädling noch als gesundheitlich relevante Problemart. Professionelle Unterstützung ist vor allem dann sinnvoll, wenn die Bestimmung unsicher ist oder gleichzeitig echte Schadbilder auftreten, die auf andere Schädlinge hindeuten könnten. (Washington State University)

Eigenmaßnahmen

Einzeltiere können abgesammelt und ins Freie gesetzt werden; genau dieses Vorgehen empfiehlt die WSU-Fachinformation sinngemäß. Auf routinemäßige Spritz- oder Vernebelungsmaßnahmen sollte man verzichten, solange tatsächlich Kamelhalsfliegen vorliegen. Bei wiederholten Funden ist eine fotografische Dokumentation sinnvoll, damit Verwechslungen mit anderen Insekten fachlich geprüft werden können. (Washington State University)

WICHTIGER HINWEIS
Bei starkem oder wiederkehrendem Schädlingsbefall empfehlen wir dringend die Konsultation eines professionellen Schädlingsbekämpfers. Eigenständige Bekämpfungsmaßnahmen können bei unsachgemäßer Anwendung gesundheitliche Risiken bergen oder den Befall verschlimmern. Die Informationen in diesem Artikel dienen der Aufklärung und ersetzen keine professionelle Schädlingsbekämpfung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Kamelhalsfliegen Schädlinge?Meist nein. Die ausgewerteten Quellen beschreiben Kamelhalsfliegen als räuberische Freilandinsekten und ausdrücklich nicht als Tiere, die Häuser oder Hausrat schädigen. Auf einer Schädlingsseite sind sie deshalb eher als Lästling oder als häufiger Fehlalarm einzuordnen. (Washington State University)

Warum tauchen Kamelhalsfliegen im Haus auf?Innenraumfunde entstehen typischerweise zufällig. Kamelhalsfliegen leben überwiegend draußen auf Bäumen, unter Rinde oder in der Vegetation; viele Adulttiere sitzen zudem in der Kronenschicht und werden dort kaum bemerkt. Einzelne Funde an Fenstern oder Wänden sprechen daher eher für einen Zuflug aus dem Umfeld als für einen Indoor-Befall. (Washington State University)

Können Kamelhalsfliegen stechen oder beißen?Die Quellen nennen sie grundsätzlich harmlos. Aus der WSU-Information ergeben sich lediglich Hinweise auf einzelne schmerzhafte Bisse der Larven, nicht aber auf systematisch relevante Gefahren durch adulte Tiere. Für die Praxis ist das Risiko deshalb gering, solange man die Tiere nicht unnötig quetscht oder festhält. (Washington State University)

Wovon leben Kamelhalsfliegen?Larven und viele Adulte fressen andere Arthropoden, darunter Blattläuse, Schildläuse, Milben, Raupen, Insekteneier und kleine Larvenstadien. Einzelne Linien bzw. nicht-prädatorische Adulttiere nehmen zusätzlich Nektar, Honigtau oder Pollen auf. Diese Ernährungsweise erklärt, warum Kamelhalsfliegen im Obstbau eher als Nützlinge auffallen als als Schädlinge. (WSU Tree Fruit)

Wie lange dauert die Entwicklung einer Kamelhalsfliege?Die Entwicklung ist für ein so filigranes Insekt erstaunlich lang. Die ausgewerteten Fachquellen nennen mindestens ein Jahr, meist zwei bis drei Jahre, häufig mehrere Überwinterungen und 9 bis 15 Larvenstadien. Für die Verpuppung ist eine winterliche Abkühlung bedeutsam; bei Raphidia mediterranea reichten in einem TUM-Versuch rund zwölf Wochen bei 4 °C, um 50 % Pupation binnen sieben Wochen nach der Kühlung zu erreichen. (Sachsen Natur)

Sollte man Kamelhalsfliegen bekämpfen?Bei sicherer Bestimmung meistens nicht. Die WSU-Extension empfiehlt kein Management und rät sinngemäß dazu, Tiere einfach wieder nach draußen zu setzen. Fachliche Hilfe ist vor allem dann sinnvoll, wenn unklar ist, ob wirklich eine Kamelhalsfliege vorliegt oder ob gleichzeitig andere, tatsächlich schadverursachende Arten im Objekt vorkommen. (Washington State University)

Quellen

  • Kuratorium Insekt des Jahres 2022 / Sachsen Natur: „Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege“. (Sachsen Natur)
  • Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: „Lebendes Fossil: Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege“. (Senckenberg Naturforschung)
  • idw / Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: „Beständig seit Millionen von Jahren: Erste vollständige Genomsequenzierung einer Kamelhalsfliege“. (idw Nachrichten)
  • Gruppe, Abbt, Aspöck & Aspöck 2020, Spixiana: „Chilling temperatures trigger pupation in Raphidioptera: Raphidia mediterranea as a model for insect development“.
  • Aspöck, Aspöck & Gruppe 2019, Zenodo: „Metathetely and its implications for the distribution of Raphidioptera“. (Zenodo)
  • Washington State University Tree Fruit: „Snakeflies“. (WSU Tree Fruit)
  • Washington State University Puyallup REC: Antonelli, „Snakeflies“. (Washington State University)
  • NC State University, ENT 425 – General Entomology: „Raphidioptera“. (GenEnt)
  • University of California Agriculture and Natural Resources: „Snakeflies“. (UC Agriculture and Natural Resources)
  • Woglum & McGregor 1959, Annals of the Entomological Society of America: Suchtreffer zu Agulla astuta. (OUP Academic)
  • Kanada-Übersicht „Raphidioptera of Canada“: Suchtreffer zur Adultlebensdauer der Inocelliidae. (ZooKeys)

Über unsere*n Autor*in
Kirsten Weißbacher
Kirsten hat Germanistik in Hamburg studiert und im Anschluss ein Volontariat gemacht. Nach ihrem Start in der Unternehmenskommunikation eines lokalen Herstellers wechselte sie in die freiberufliche Tätigkeit. Seit Februar 2024 ist Kirsten bei Digitale Seiten und schreibt dort Ratgeber zu Handwerksthemen aller Art.